Was ist die 4%-Regel? Die Trinity Study erklärt
Die 4%-Regel stammt aus der sogenannten Trinity Study, die 1998 von Philip Cooley, Carl Hubbard und Daniel Walz an der Trinity University veröffentlicht wurde. Die Forscher analysierten historische US-Aktien- und Anleihenrenditen von 1926 bis 1995 und untersuchten verschiedene Entnahmeraten über 30-Jahres-Zeiträume.
Ihr Ergebnis: Bei einem Portfolio aus 50–75% Aktien und 25–50% Anleihen überstand eine Entnahme von 4% des Startkapitals pro Jahr (inflationsbereinigt) in 95%+ aller historischen 30-Jahres-Perioden — ohne dass das Kapital aufgebraucht wurde.
Bevor die 4%-Regel überhaupt relevant wird, muss natürlich erst das Kapital angespart werden. Ein Rentensparplan Rechner zeigt dir, wie lange du mit deiner aktuellen Sparrate bis zu deinem Zielkapital brauchst.
Warum die 4%-Regel in Deutschland angepasst werden muss
Die Trinity Study hat vier entscheidende Unterschiede zur deutschen Realität nicht berücksichtigt:
1. Abgeltungssteuer: 26,375% auf Kapitalerträge
Jede ETF-Entnahme, die Kursgewinne oder Dividenden enthält, unterliegt der Abgeltungssteuer von 26,375%. Wenn du €4.000 aus deinem Depot entnimmst und davon €2.000 Kursgewinn sind, gehen davon nach Teilfreistellung (30%) noch ca. €370 ans Finanzamt. Die Trinity Study rechnete ohne diese Steuer.
2. Längerer Rentenzeitraum bei FIRE
Die Trinity Study berechnete 30 Jahre. FIRE-Anhänger (Financial Independence, Retire Early) planen oft für 40–50 Jahre. Für längere Zeiträume sinkt die sichere Entnahmerate erheblich: Bei 40 Jahren liegt sie historisch eher bei 3,5%, bei 50 Jahren bei ca. 3,0–3,25%.
3. Deutsche gesetzliche Rente als Puffer
Anders als in den USA haben die meisten deutschen Arbeitnehmer Anspruch auf eine gesetzliche Rente. Diese reduziert die benötigte ETF-Entnahme erheblich und damit auch das benötigte Startkapital — ein großer Vorteil gegenüber rein privater Altersvorsorge.
4. Unterschiedliche Inflation und Markthistorie
Die deutsche Inflationsrate weicht von der US-Inflation ab. Zudem hat Deutschland eine kürzere eigenständige Aktienmarkt-Geschichte. Allerdings basiert der MSCI World auf globalen Daten, was die Relevanz internationaler ETFs für deutsche Anleger stärkt.
Detailliertes Rechenbeispiel: €3.000/Monat Bedarf
Annahme: Du möchtest mit 55 Jahren in Rente und benötigst €3.000 netto pro Monat (€36.000/Jahr). Du hast noch keinen gesetzlichen Rentenanspruch. Rentenzeitraum: 35 Jahre.
| Szenario | Jährlicher Bedarf | Entnahmerate | Benötigtes Kapital |
|---|---|---|---|
| Original 4%-Regel (USA, keine Steuer) | €36.000 | 4,0% | €900.000 |
| Angepasst (3,5%, mit Steuerpuffer) | €42.350 brutto | 3,5% | €1.210.000 |
| Konservativ (3,0%, langer Horizont) | €42.350 brutto | 3,0% | €1.412.000 |
Einfluss der gesetzlichen Rente auf den Kapitalbedarf
Die gesetzliche Rente ist der größte natürliche Puffer gegen das Langlebigkeitsrisiko. Jeder Euro gesetzlicher Rente reduziert die notwendige ETF-Entnahme — und damit das benötigte Kapital enorm.
| Gesetzliche Rente | ETF-Entnahme nötig | Kapitalbedarf (3,5%) | Ersparnis |
|---|---|---|---|
| €0/Monat | €3.000/Monat | ca. €1.210.000 | — |
| €500/Monat | €2.500/Monat | ca. €1.009.000 | €201.000 |
| €1.000/Monat | €2.000/Monat | ca. €807.000 | €403.000 |
| €1.500/Monat | €1.500/Monat | ca. €605.000 | €605.000 |
| €2.000/Monat | €1.000/Monat | ca. €403.000 | €807.000 |
Mit einer gesetzlichen Rente von €1.000/Monat senkst du deinen Kapitalbedarf von ~€1.210.000 auf ~€807.000 — eine Ersparnis von mehr als €400.000. Das verdeutlicht, wie wichtig die Rentenoptimierung (Freiwillige Einzahlungen, späte Inanspruchnahme) im Kontext von FIRE ist.
Entnahmestrategien im Vergleich
1. Konstante Entnahme (klassische 4%-Regel)
Du entnimmst jedes Jahr denselben Betrag (inflationsbereinigt). Einfach, planbar, aber starr. In Crash-Jahren verkaufst du ETF-Anteile zum ungünstigsten Zeitpunkt — das erhöht das Sequenzrisiko.
2. Dynamische Entnahme (Guyton-Klinger-Regeln)
Du passt die Entnahme an die Portfolioentwicklung an. In guten Jahren darfst du die Entnahme leicht erhöhen; bei starken Kursverlusten reduzierst du sie um 10%. Ermöglicht höhere Startentnahmen (bis ~5%), ist aber weniger planbar. Ideal für flexible Rentner.
3. Dividendenstrategie
Nur Dividenden entnehmen, Kapital unangetastet lassen. Mit VHYL (3,8% Dividendenrendite) bei €1 Mio. Depot: ca. €38.000 Brutto-Dividende pro Jahr. Steuerlich günstig (FSA nutzen), aber Dividendenrendite oft nicht ausreichend für den Lebensunterhalt.
| Strategie | Anfangsentnahme | Flexibilität | Sequenzrisiko | Komplexität |
|---|---|---|---|---|
| Konstant 4% | 4,0% | Niedrig | Hoch | Niedrig |
| Guyton-Klinger | bis 5,0% | Hoch | Mittel | Mittel |
| Dividendenstrategie | ~3,5–4% | Mittel | Niedrig | Niedrig |
| Konservativ 3% | 3,0% | Niedrig | Sehr niedrig | Niedrig |
ETF-Depot für die Rentenphase: VHYL vs. VWCE
Die Wahl des ETF beeinflusst die Steueroptimierung in der Entnahmephase erheblich:
VHYL (Vanguard FTSE All-World High Dividend Yield, ausschüttend)
- Dividendenrendite ca. 3,8% — liefert natürlichen Cashflow
- Kein Verkauf von Anteilen nötig für laufenden Bedarf
- Dividenden sofort steuerpflichtig (Abgeltungssteuer, wenn FSA voll)
- Geringeres Wachstumspotenzial (Wachstumswerte untergewichtet)
VWCE (Vanguard FTSE All-World Acc., thesaurierend)
- Höheres Gesamtrendite-Potenzial (breite Diversifikation, reinvestiert)
- Steuerstundungseffekt bis zum Verkauf
- Für Entnahme: planmäßiger Teilverkauf nötig
- Flexibler: du bestimmst, wann du verkaufst und wie viel
Das Sequenz-Rendite-Risiko — die größte Gefahr der 4%-Regel
Das Sequenz-Rendite-Risiko (Sequence of Returns Risk) ist die wichtigste — und am meisten unterschätzte — Gefahr beim Entnahmeplan. Nicht die durchschnittliche Rendite über 30 Jahre entscheidet, sondern die Reihenfolge der Renditen.
Zwei Szenarien mit identischer Durchschnittsrendite von 7% p.a. über 30 Jahre, aber unterschiedlicher Reihenfolge:
| Szenario | Jahre 1–5 | Jahre 6–30 | Kapital nach 30 J. (€1 Mio., 4%) |
|---|---|---|---|
| Günstig (gute Renditen früh) | +15% p.a. | +5% p.a. | ca. €1.800.000 |
| Ungünstig (Crash zu Beginn) | -20% p.a. | +12% p.a. | ca. €290.000 |
Monte Carlo Simulation: Erfolgswahrscheinlichkeit berechnen
Da die Zukunft unbekannt ist, hilft die Monte Carlo Simulation: Statt einer Rendite werden Tausende verschiedene Renditesequenzen simuliert — basierend auf historischen Mittelwerten und Volatilitäten. Das Ergebnis: die prozentuale Wahrscheinlichkeit, dass das Portfolio den geplanten Zeitraum übersteht.
| Entnahmerate | 30 Jahre (Erfolgsquote) | 40 Jahre (Erfolgsquote) | 50 Jahre (Erfolgsquote) |
|---|---|---|---|
| 4,0% | ~95% | ~83% | ~72% |
| 3,5% | ~98% | ~93% | ~85% |
| 3,0% | ~99% | ~97% | ~93% |
| 2,5% | ~100% | ~99% | ~98% |
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Häufige Fragen zur 4%-Regel in Deutschland
Disclaimer: Nur zu Bildungszwecken. Keine Anlageberatung gemäß WpHG. Keine BaFin-regulierte Beratung. Stand: Juni 2026.